Web 2.0 findet statt!

Posted by Carsten Bormann Mon, 19 Dec 2005 20:26:00 GMT

Es ist die Zeit der Jahresrückblicke. Hier ein kleiner Beitrag.

Oktober 2005 war der Monat der Haßtiraden. Ein Mem, ein sich unaufhaltsam durchsetzender neuer Begriff mußte zerstört werden. Selbst sonst als kühle Denker bekannte Autoren wie Joel Spolsky verstiegen sich in heilige Schwüre, nie wieder über Web 2.0 zu schreiben.

Muss man ja auch nicht, aber warum dann erst einmal darüber schreiben und dann versprechen, dass man es nie wieder tun wird?

Weil „Web 2.0“ ein mächtiger Gedanke ist. (Mächtig genug, um bei Microsoft ein weiteres „Sea-Change“-Memo samt Produkt-Vorankündigungs-FUD auszulösen — das gibt es nur alle fünf Jahre.)

„Web 2.0“ war zunächst nichts anderes als der Name einer erfolgreichen Konferenz von O’Reilly. Marketing also. (Wie bei AJAX ärgern sich natürlich viele darüber, daß nicht sie es waren, die den gängigen Begriff für etwas geprägt haben, was sie vielleicht schon vorher gedacht haben.)

Es ist aber noch mehr dahinter: Die nackte Angst vor Bubble 2.0. Nicht schon wieder inhaltsleere Buzzwords, bei denen Millionen ihre Ersparnisse verlieren und wenige reich werden. (Die Bubble 1.0 ist allerdings noch genug im Gedächtnis, daß das schon nicht passieren wird.)

Wir Techniker haben natürlich eine klare Abneigung gegen unscharfe Begriffe. Niemand kann heute definieren, was Web 2.0 eigentlich genau ist.

Ist das schlimm? Schnell antworten: Wann begann nach dem Mittelalter die Neuzeit?

  • 1492, mit der „Entdeckung“ Amerikas?
  • 1517, mit dem Beginn der Reformation Luthers?
  • ~ 1450, mit der Innovation des Buchdrucks durch bewegliche Lettern?
  • 1453, mit dem Fall Konstantinopels?
  • oder doch erst im 17. Jahrhundert, mit der modernen Wissenschaft?

Ähnlich wie die „Neuzeit“ ist auch Web 2.0 ein (kleiner) Epochenübergang, oder zumindest die Kombination aus Renaissance und Innovation, mit der er beginnt. Keine einzelne Entwicklung ist Web 2.0 — es geht um die Kombination mehrerer Entwicklungen, die teils voneinander unabhängig sind, sich teils gegenseitig bedingen und verstärken. Insgesamt kommt eine (Web-)Welt heraus, die sich einfach deutlich von der davor unterscheidet.

Selbst Paul Graham, seines Zeichens querdenkender Web-Pionier und einer der Buzzword-resistenteren Autoren dieser Welt, sieht inzwischen, daß da etwas ist. In seinem äußerst lesenswerten Artikel reduziert er Web 2.0 auf drei Dinge:

  • AJAX (das Web als Plattform für Anwendungen);

  • Demokratie (und damit meint er wohl primär, die gesammelte Intelligenz der Menschen auch zu nutzen);

  • Benutzer nicht mehr mißhandeln.

Oh, und dieser Tage haben wir sie noch einmal wieder, die Diskussion. (Die Zeit der Jahresrückblicke und der guten Vorsätze für 2006, halt.)

Web 2.0 findet statt. Vielleicht nicht nachhaltig unter diesem Namen, aber das ist nicht so wichtig. Wir wissen auch noch nicht ganz genau, wie es einmal aussehen wird, aber klar ist schon, dass AJAX eine wichtige Rolle dabei spielen wird.

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Rails: 1.0

Posted by Carsten Bormann Wed, 14 Dec 2005 12:36:00 GMT

Vor ein paar Stunden hat die viel beachtete neue Web-Entwicklungsumgebung Ruby on Rails die Version 1.0 erreicht. 1.0 wie in „Firefox 1.0“, nicht wie in „Windows 1.0“.

Rails demontiert gerade mit erstaunlicher Geschwindigkeit die Vormachtstellung der bisherigen Alpha-Tiere der Web-Entwicklung — mindestens in den Köpfen, aber zunehmend auch in großen missionskritischen Umgebungen.

Was hat die Freigabe von Rails 1.0 mit AJAX zu tun? Rails war das erste große Web-Framework, das AJAX als selbstverständlichen Aspekt mit unterstützte. Mit Rails 1.0 sind insbesondere aber auch die JavaScript-Bibliotheken Prototype 1.4 und Scriptaculous 1.5 freigegeben worden. Diese Bibliotheken haben jetzt eine Menge fokussiertes Bug-Fixing hinter sich; zu erwarten ist eine recht stabile Basis für fortgeschrittene AJAX-Anwendungen — auch für solche, bei denen die Serverseite (noch?) nicht Rails heißt.

Zurück zu Rails: gem install rails --include-dependencies ist angesagt. Studierende an der Universität Bremen können sich übrigens schon mal auf meine Lehrveranstaltung „Produktive Web-Entwicklung“ im Februar freuen. (Als nächstes auf der Agenda: Kurse, die auch außerhalb der Universität zur Verfügung stehen.)

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