Zurück von der ETech

Posted by Carsten Bormann Sun, 12 Mar 2006 06:22:00 GMT

Montag bis Donnerstag dieser Woche fand in San Diego die diesjährige Auflage der O’Reilly-Konferenz „Emerging Technology“ statt.

Meine Präsentation zu PANIC-Mode fand am Donnerstag in einem völlig überfüllten Raum statt. Sie ist wohl ganz gut angekommen, aber wurde natürlich völlig überschattet von Steve Yens unmittelbar darauffolgender Präsentation zu Trimpath und NumSum. Eine eindrucksvolle Demonstration dafür, daß JavaScript eine vollwertige Programmiersprache ist, mit der man auch nichttriviale Systeme schreiben kann. (Ein Problem dabei ist heute oft, daß dieselbe Geschäftslogik, die clientseitig in der JavaScript-Anwendung abläuft, auch auf Server-Seite implementiert sein muss. Steve Yens Idee: mehrfaches Programmieren dadurch vermeiden, daß man denselben Code, der im Browser läuft, im Server durch den JavaScript-Interpreter Rhino ausführen läßt.) Leider reichte die Zeit nicht für seine ganze Präsentation. Nachdem der sichtbarste Online-Nachfolger von Microsoft Word writely gerade durch Google übernommen wurde, kann man Steve mit seinem Excel-Nachfolger nur ähnliches Glück wünschen.

Zur Konferenz selbst:

Tim Bray hatte ein ähnlich gemischtes Gefühl wie ich. Die Produktpräsentationen waren zum Teil wirklicht wenig erhellend; andererseits liefen in den Tracks durchaus auch interaktive Segmente unter „Products and Services“, die ich nicht hätte missen wollen. Zur Organisation insbesondere des letzten Tages gab es bereits einen vernichtenden Artikel, dem ich nichts hinzuzufügen habe. (Vielleicht das nächste mal das Hotel rechtzeitig buchen, so daß die ganze Zeit geeignete Räume für die Konferenz zur Verfügung stehen?) Natürlich findet der wichtigste Aspekt von Konferenzen außerhalb der Vortragssäle statt, und über diesen Bestandteil kann ich mich nicht beklagen.

Was waren (außer Steve Yens Auftritt) die Highlights?

  • microformats. Schon einige Zeit ein Thema, jetzt definitiv heiß.
  • RSS ist als Informationsbus des Web inzwischen unumstritten, am besten in seiner standardisierten Form Atom (nur Microsoft scheint letzteres noch nicht ganz begriffen zu haben). Interessant z.B. auch, wie Ning seine gesamten Daten über Atom-Feeds anbietet.
  • Ein Microsoft-CTO, der seine neueste Erfindung in Firefox demonstriert. (Der Microsoft-Mann, der später geschniegelt im Dreiteiler auftauchte, war auch nicht schlecht, aber seine Präsentation habe ich bereits wieder vergessen.)
  • Für den Vortrag von Bruce Sterling kam ich leider terminbedingt zu spät — alle sagten aber, er sei sehr, sehr gut gewesen. Ich hoffe, da wird noch mehr gebloggt.
  • cutetracker, eine von vielen Anwendungen in Ning.
  • Clay Shirky versucht, Entwurfmuster herauszuarbeiten, um eine Site mit benutzergenerierten Inhalten vor dem Abstieg in Flamewars o.ä. zu bewahren — u.a., um „die Leser vor den Schreibern zu schützen“.
  • „Wenn die ungelesenen Einträge im Feedreader heute noch nicht wichtiger erscheinen als die im Mailreader — sie werden es bald sein“ (Rael Dornfest frei zitiert nach ruminate).
  • Die EFF hat die wichtigen Gerichtsverfahren der nächsten Jahre vorhergesagt. Darunter: „PatentTrollCo verklagt AJAX-Sites“ — da es nicht schwer sein dürfte, bestehende Patente solange umzuinterpretieren, bis sie irgendwann AJAX-Techniken betreffen, lohnt sich Patent-Wegelagerei im „long tail“ der kleinen Sites (die bei der Wahl, 5000 Euro Lösegeld zu zahlen oder einen Rechtsstreit wegen eines dubiosen Patents zu riskieren, nicht lange nachdenken müssen). Glücklicherweise ist der anwesende EFF-Rechtsanwalt Jason unter anderem für das Patent-Busting bei der EFF.
  • (Off-Topic:) Jeff Han hat sein „Multi-Touch“-Interface demonstriert. Überzeugt hat mich vor allem, wie man alle drei 2D-Transformationen (Verschieben, Skalieren — „Zoom“, Rotieren) auf einer virtuellen Oberfläche mit intuitiv wirkenden Gesten abbilden kann. Und Hut ab vor der genial einfachen technischen Realisierung…

Darüber hinaus konnte, wer das noch nicht woanders mitbekommen hat, sich über anstehende Themen wie Identity 2.0, oder auch über Mechanical Turk und andere Leitinnovationen des vergangenen Jahres informieren.

Gelegentlich wurde auch versucht, zu postulieren, daß nach Mittelalter und Neuzeit (ging offenbar bis 1980) nun das Zeitalter der Attention Economy angebrochen ist. Das war das Thema dieser Konferenz, und die Grundbeobachtungen stimmen sicherlich nach wie vor. Aber ob wir wirklich alle Schmetterlinge sind, die, statt den Nektar der Attention Economy zu trinken, noch wie Raupen denken, wir müßten die grünen Blätter der Markt-/Geld-/Industrie-Wirtschaft verspeisen (Michael H. Goldhaber)?

Spannender (weil konkreter) fand ich den immer wieder durchscheinenden Trend der Alphabetisierung der „Benutzer“ — vom User Generated Content über die Websiteentwicklungsumgebung Ning bis hin zu den von IBM und JotSpot vorgestellten Wiki-basierten Anwendungsentwicklungsumgebungen. Vielleicht wird die nächste Generation in der Schule (des Lebens) nicht nur Word, PowerPoint und Excel gelernt haben, sondern — mittels geeigneter Umgebungen — auch genug programmieren können, um die kleinen und mittleren IT-Probleme des täglichen Lebens selbst anpacken zu können. Man kann ja träumen.

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AJAX und die Realitäten mobilen Arbeitens

Posted by Carsten Bormann Tue, 07 Mar 2006 18:51:00 GMT

Erinnert sich noch jemand an Timesharing? Ein Zentralrechner dient vielen Terminals als gemeinsame Ressource. Eine Vorbedingung für Timesharing war eine Datenleitung zwischen Terminal und Zentralrechner — lokal oder entfernt (die gute alte „Datenfernübertragung“, die in Microsofts „DFÜ-Verbindungen“ weiterlebt).

Der Personal Computer war dann die neue Idee, jedem Menschen einen persönlichen Computer zu geben, um die Abhängigkeit von schwerfälligen Zentralrechnern loszuwerden. Der PC wurde in den 1980ern tragbar, so daß man seine persönliche Infrastruktur bald überall hin mitnehmen konnte (vom Koffer-Computer „Compaq“ bis hin zum modernen Notebook Computer).

Recht schnell wurde dann jedoch klar, daß ein einzelner Rechner (genauer: ein einzelner Mensch an diesem Rechner) nicht viel ausrichten kann. Netze mußten her, um die PCs auch noch mit nützlichen Funktionen zur Kommunikation und zum gemeinsamen Arbeiten auszustatten.

Das Internet hat diese Rangordnung inzwischen nahezu umgekehrt: Der Computer ist heute in vielen Fällen vor allem Zugangswerkzeug zum Netz und zur Kommunikation mit anderen (Menschen und den von ihnen gemeinsam benutzten Systemen), erst in zweiter Linie persönlicher Rechner mit eigenen Funktionen. AJAX ist ein Vehikel, um dieses Primat der Kommunikation und Kollaboration über die isolierte Eigenarbeit („personal productivity“) auch auf klassische PC-Anwendungen wie Textverarbeitung, Kalkulation und Präsentationsentwicklung auszudehnen — das Web als Plattform.

Das Problem

Aber wie arbeiten wir heute? In vielen Bereichen ist das Büro, dessen Desktop-Anwendungen AJAX ersetzen will, gar nicht mehr primärer Arbeitsort. (Es mag nicht jedem so gehen, aber mein persönliches Büro ist praktisch identisch mit meinem Laptop.)

Dieser Artikel ist in einem Flughafen entstanden, in dem Internet-Konnektivität zwar ausreichend besteht, aber durch bestimmte Marktentwicklungen künstlich um Größenordnungen verteuert ist. Die Benutzung einer Web-Anwendung wäre in diesem Kontext prohibitiv teuer. Will ich im Flugzeug weiterarbeiten, wird Konnektivität (außer in wenigen Flugzeugen z.B. der Lufthansa) ganz unmöglich. Im Zug (ICE) kann man zwar über GPRS (2.5G/3G) Basis-Konnektivität erlangen, diese bricht beim heutigen Stand der Mobilnetze unterwegs aber immer wieder zusammen. (Fertig getippt habe ich den Artikel auf einer Konferenz mit einem Konferenznetz, das unter der Last der vielen Teilnehmer immer wieder zusammenbricht.)

Von der Vision „Always on, always connected“ sind wir aus vielerlei Gründen (nicht alle davon technisch) weit entfernt.

Intel hat für ein paar Jahren versucht, einen Begriff für diese Arbeitsform zu prägen: Occasionally Connected Computing, so als sei man nur gelegentlich am Netz. Verständlich, wollen sie doch eine leistungsstarke Plattform verkaufen, die eben auch ohne Web viele Anwendungen möglich macht.

Eine realistischere Beschreibung wäre „Frequently Connected Computing“ (die Abkürzungskollision mit der amerikanischen Kommunikationsbehörde FCC nehme ich hier bewußt — und auch etwas ironisch meinend — in Kauf).

Was ist zu tun?

Wie muß eine AJAX-Umgebung beschaffen sein, die auch unter FCC-Bedingungen funktioniert?

Es ist klar, daß neue Seiten nur angefordert werden können, solange Konnektivität zum Server besteht. Eine FCC-kompatible Web-Anwendung wird sich also eher länger auf einer Seite aufhalten (geht also in Richtung Single-Page Application, aber eben mit AJAX) — Kartenreiter und ähnliche UI-Techniken können dazu beitragen, daß die Übersicht erhalten bleibt.

Eine andere Frage ist, wie die Anwendung mit Eingaben des Benutzers umgeht. Was ganz bestimmt nicht passieren sollte, sind Fehlermeldungen der Form:

 Es gab ein Problem mit dem Netz -- Ihre Eingaben sind jetzt weg

(oder gar Datenverlust ohne jede Fehlermeldung!).

Es geht also darum, Eingaben des Benutzers auch dann aufzubewahren, wenn der erste Versuch, sie über AJAX an den Server zu übertragen, fehlschlägt.

PANIC-Mode

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, mit durch Netzprobleme fehlgeschlagenen Server-Updates umzugehen. Mein Ansatz basiert darauf, Updates im Browser persistent zu speichern, bis der Server bestätigt, daß sie erfolgreich integriert worden sind. Da im Web2.0-Umfeld Abkürzungen ganz wichtig zu sein scheinen, habe ich gleich mal ein Akronym defür definiert:

 P ersistency for
 A JAX in
 N etworks with
 I ntermittent
 C onnectivity.

Mehr zu panic-mode am Donnerstag auf der Emerging Technology-Konferenz von O’Reilly.

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